Kürzlich an einer Lesung

November 12, 2009

Wie es eine Nacht der Museen gibt, gibt es neuerdings auch eine Nacht der Lesungen. Ein Vortrag interessierte mich speziell, denn eine Politikerfrau las aus ihrem Buch “Schneckenfühler” vor. Im Juli 2009 hatte ich ebenfalls eine Vorlesung aus meinem Buch am selben Ort und die Buchhändlerin ist mir deshalb bekannt.

Aufgrund der Tatsache, dass die Autorin einen bekannten Politiker als Mann hat, sind entsprechend mehr Leute an die Vorlesung gekommen. Das Buch dreht sich um die Erfahrungen, die Frau Fehr mit ihrem Sohn gemacht hat, der an einer psych. Erkrankung leidet.

Die Vorlesung war zum Gähnen, die wirklich interessanten Aspekte, wie der Suizidversuch ihres Sohnes, liess Frau Fehr aus und wies immer wieder daraufhin, dass sie ja auch noch Bücher verkaufen möchte. Am Schlimmsten fand ich aber, dass ihr Sohn zu Wort kam. Als ich mich hinsetzte, war mir sofort klar, welcher es war. Er sass vollgepumpt mit Psychopharmaka und zitternd auf dem Stuhl und als er sprach, kam es mir vor, als würde ein 10-Jähriger erzählen.

Es tat mir im Herzen weh, weil mal wieder das Klischee zementiert wurde, dass psych. Erkrankte nicht in der Lage sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Ihr Sohn lebt und arbeitet in einer betreuten WG und im geschützten Rahmen. Wieso werden nicht mal psych. Erkrankte gezeigt, die sich wieder eingegliedert haben und ein sog. “normales” Leben trotz “psychiatrischer” Diagnose führen? Mich macht es wütend, dass ihr Mann, der doch politischen Einfluss hätte, nicht mal den Mut hat, ein paar Worte zu sagen.

Er hat es ebenfalls abgelehnt, an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen, nun muss seine Frau wieder herhalten. Wovor hat der Mann Angst? – Da es doch nun bereits publik ist, dass sein Sohn psych. Probleme hat, könnte er doch eine Vorreiterrolle einnehmen und sich für die Belange von psych. Leidenden einsetzen. Tja, aber dies steht halt nicht auf dem Parteiprogramm der SVP. Schliesslich steht bei dieser Partei im Programmheft, dass psych. Betroffene Scheininvalide sind…

Die Fragen, die aus dem Publikum kamen, hinterliessen bei mir ebenfalls einen fahlen Nachgeschmack. Sie kamen bei mir so rüber, als würden sie an einen debilen Menschen gestellt. Schade, dass nicht kritischere Fragen gestellt worden sind. Ich ging mit dem Vorsatz da hin, Kontakt mit dieser Frau aufzunehmen, doch dies ist mir gründlich vergangen.

 


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